Die vier Weltteile (gebundenes Buch)

ISBN/EAN: 9783903005372
Sprache: Deutsch
Umfang: 152 S.
Format (T/L/B): 1.8 x 19.8 x 12 cm
Einband: gebundenes Buch
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Zwei Erwachsene, vier Kinder, ein Museum mit klassischen Gemälden: Was als gewöhnlicher Ausflug beginnt, wird von einem Anschlag im Foyer des Gebäudes durchbrochen. Gemeinsam mit den Museumsbediensteten versuchen die Erwachsenen Normalität vorzutäuschen, doch mit ihren vorwitzigen Fragen zu den Heiligen und Helden, Märtyrern und Ungeheuern auf den Gemälden machen ihnen die Kinder dieses Vorhaben nicht gerade leicht. Hanno Millesi unternimmt in seinem neuen Roman einen kenntnisreichen und humorvollen Streifzug durch die christlich-europäische Kulturgeschichte und spiegelt darin die Gegenwärtigkeit terroristischer Anschläge und medialer Hysterie.
Hanno Millesi, geboren in Wien; Studium an der Universität und an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Auszeichnungen u.a.: Reinhard-Priessnitz-Preis (2017), Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien, Staatsstipendium für Literatur des BKA. Zuletzt in der Edition Atelier erschienen: "Der Schmetterlingstrieb".
(Auszug aus dem Roman) Im Rahmen einer tatsächlichen Zusammenfassung der Ereignisse sollte es später übrigens heißen, die Messerattacke des Mannes sei gar nicht geplant gewesen, sondern müsse, so der Attentäter im Verlauf eines Verhörs, darauf zurückgeführt werden, dass er bei der Aufforderung, seinen Rucksack zu öffnen, schlicht die Nerven verloren habe. Das eigentliche Ziel, das er sich mit einer, wie ihm ein Journalist in der Folge attestieren würde, geradezu diabolischen Gewitztheit gesteckt hatte, habe, so der Gewalttäter, darin bestanden, eines der Gemälde in den Schausälen des Museums mit Farbe aus einer mitgebrachten Sprühdose zu verunstalten. Befragt nach den Motiven hinter einer derart absurden Aktion, die der Öffentlichkeit unverhältnismäßig harmloser erscheinen musste als die Messerattacke auf einen Menschen - wiewohl sich in der Folge Leute in Postings und Tweets zu Wort melden sollten, die meinten, man hätte ebenso auf ihn schießen müssen, sofern er sich an einem der wertvollen Gemälde vergriffen hätte (Gemälde, versteht sich, die sie noch gar nie zu Gesicht bekommen hatten) -, würde der Attentäter später zu Protokoll geben, er habe vorgehabt, ein Bild religiösen Inhalts zu zerstören, weil es sich dabei in seinen Augen um den Kultgegenstand einer Irrlehre handle. Damit nicht genug, so der Mann im Anschluss an seine gescheiterte Tat: Ihrer seit jeher abwegigen, spirituellen Kraft endgültig beraubt, hätten diese Machwerke - die Bilder - schließlich ihren Weg in einen Tempel westlicher Dekadenz gefunden, wo sie gegen Geld besichtigt werden könnten. Für ihn, den Attentäter, Ausdruck der vollständigen Verblendung des Westens, im Grunde wohl nur einer kleinen Schicht daselbst, der es jedoch gelinge, die große Mehrheit für dumm zu verkaufen. Dieser Dummheit habe er mit seiner Aktion einen Denkzettel verpassen wollen, wofür ihm eine nicht unwesentliche Anzahl an Menschen in diesem Land - so seine Meinung - früher oder später sogar dankbar gewesen wäre. Dieser Form von Rechtfertigung bald überdrüssig, sollten sich die Berichterstatter schließlich eher dafür interessieren, welches Bild der Attentäter für seinen Zerstörungsakt ausgewählt hatte. Er habe sich, so der Mann laut Medien, bis zuletzt noch nicht endgültig entschieden gehabt, ob es Raffaels "Madonna im Grünen" werden würde oder Caravaggios "Rosenkranzmadonna". In beiden Fällen Meisterwerke - das die Meinung der Medien, nicht des Attentäters - und Darstellungen der Mutter Gottes, worin angedeutet lag, dass er, dessen Namen die Sicherheitsbehörden später mit Hussein Y. angaben, dass also Hussein Y. sich im Vorfeld des von ihm geplanten Anschlags eingehend mit der Sammlung dieses Museums auseinandergesetzt haben musste. Ob nun die "Madonna im Grünen" oder die mit dem Rosenkranz, hätte Hussein Y. erst vor Ort entschieden, je nachdem, welches der beiden Bilder von ihm in einer Situation angetroffen worden wäre, die ihm mehr Zeit für das Anbringen seiner Verunstaltungen in Aussicht gestellt hätte. Im Idealfall - Hussein Y. soll, würde es später heißen, tatsächlich von einem Idealfall gesprochen haben -, hätte er sich, wäre ein Bild erst einmal beschmiert gewesen, auch noch über das andere hergemacht. Auf alle Fälle seien seine Motive - das sollte vom Attentäter im Nachhinein mehrfach betont werden - ausschließlich religiöser und nicht etwa ästhetischer Natur gewesen. Das Messer, würde Hussein Y., vom Staatsanwalt zur Rede gestellt, antworten, habe er mitgebracht, um sich, hätte er erstmal eines oder vielleicht sogar beide Gemälde seiner Behandlung unterzogen, einen Weg aus dem Museum zu bahnen. Seiner Einschätzung nach, hätten ihm die meisten Menschen - die Museumsaufseher inbegriffen - bereits beim bloßen Anblick dieser Waffe (übrigens ein Fabrikat aus der Schweiz mit einem Griff aus Kirschbaumholz, kein Krummschwert, wie jemand zu diesem Zeitpunkt schon zu Protokoll gegeben haben würde) den Weg freigemacht. Wir, so viel steht für mich fest, hätten das in jedem