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Nummer sechs

Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442732494
Sprache: Deutsch
Umfang: 108 S.
Format (T/L/B): 1 x 18.5 x 11.7 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Die Geschichte einer lebenserfüllenden und doch ganz und gar aussichtslosen Liebe. Fanny ist die Jüngste in der Familie, die "Nummer sechs", wie der Vater sie gerne nennt. Der geliebte, stets anderweitig beschäftigte Vater, um dessen Anerkennung sie ein Leben lang kämpft. Als Mädchen ist sie krank geworden, einmal ist sie sogar ins Meer gegangen, damit er sich um sie kümmert. Als Erwachsene hat sie vergeblich versucht, ihn zur Rede zu stellen. Jetzt ist er alt, der Platz an seiner Seite ist mit dem Tod der Mutter freigeworden. Aber lässt sich die Vergangenheit zurückholen?

Autorenportrait

Véronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt heute mit ihren zwei Töchtern in Arles. Sie zählt in Frankreich zu den bekanntesten jungen Theaterautorinnen. Ihre Stücke werden auch in Deutschland und in der Schweiz gespielt. Ihr erster Roman "Meeresrand" wurde vom Feuilleton gefeiert und war Liebling der deutschen Leserinnen und Leser.

Leseprobe

Schreiben ist etwas für Müßiggänger. Jeder Anlass für eine Pause, eine Unterbrechung der Klausur, ist willkommen. Unter dem Vorwand, eine Druckerpatrone besorgen zu müssen, verlässt man das Haus und bummelt ziellos durch die Stadt. Manchmal wird dieses Herumschlendern auch mit interessanten Begegnungen belohnt, man trifft auf Menschen oder Dinge, die einem bleiben. So war es auch in diesem Fall. Ich bin aus dem Haus gegangen und einem Mann begegnet, den ich öfter in meiner Gegend sehe, ein Penner, mit dem ich manchmal ein paar Worte wechsle, einer, der sich offensichtlich von Wein und Zwiebeln ernährt und immer einen räudigen kleinen Hund dabei hat, den er an einer Schnur führt. Der Mann ist mit Vorsicht zu genießen, denn er ist nicht gut auf Frauen zu sprechen. Es gibt Tage, da ist er reizend, und andere, da schenkt man ihm ein paar Einkäufe aus dem Supermarkt und wird dafür mit einer so obszönen Bemerkung bedacht, dass man zur Salzsäule erstarrt. Ich war auf der Suche nach einer guten Idee für Sergio Castellitto, einem Stoff, der seinen Fähigkeiten als Schauspieler gerecht würde, aber zugleich auch jenen Aspekt seines Wesens zum Ausdruck bringen könnte, der sich nicht in Worte fassen lässt. Nach vielen Filmen hatte er wieder Lust bekommen, Theater zu spielen, Lust auf den Nährboden, der ihn zum Schauspieler gemacht hatte, auf das Ringen mit sich selbst mitten in einer Luftglocke aus Staub und Licht. Ich stellte mir einen Monolog vor, der zugleich intim und spektakulär wäre und mit dem er ganz aus sich herausgehen könnte. Denn manchmal überkommt einen der Wunsch, sich einfach alles zu erlauben, dumm und verachtungswürdig zu sein und zu sagen: Ich will mich radikal in Frage stellen, will bei null anfangen. Ich will meine ganze Blöße zeigen, anstatt immer im Strom mitzuschwimmen. Für Schauspieler gibt es diese Möglichkeit, sich gehen zu lassen und eine Auszeit von der Normalität zu nehmen - und sie werden dafür sogar noch gut bezahlt und mit Applaus belohnt. Sie können sich schämen, ohne dass es jemand merkt. Sie dürfen über etwas weinen, was nur sie angeht, inmitten von lauter Lügen. Deshalb habe ich mir gedacht: Ich schreibe über einen, der auf der Straße lebt; ganz ohne soziologische Analyse, einfach über eine Seele, die herumirrt, die aufbegehrt. Über einen von diesen verlotterten Stadtstreichern. Einen komischen Typen mit seinem Elend, seinen Tränen, aber auch mit einer gewissen Kaltschnäuzigkeit und mit Humor. Einen, der sich nicht drückt, der sein Schicksal hinnimmt wie Vogeldreck, der vom Himmel fällt, fluchend und dankbar zugleich. Über einen Obdachlosen zu schreiben heißt, sich mit einem Schicksal auseinander zu setzen, das im Grunde jedem von uns widerfahren könnte. Künstler sind oftmals Penner, die einfach Glück gehabt haben. Sie sind zwar nicht in der Gosse gelandet, aber sie haben die verstörten Züge und die Unruhe von Nomaden, ihre Blicke schweifen umher, sie halten Gericht über die Welt, haben ihre Obsessionen, ihre Rituale. Jeden Tag laufen sie Gefahr, sich zu verirren, nicht mehr heimzufinden. Ich habe keinen gewählt, der den Blick gesenkt hält. Ich habe einen gewählt, der noch Lust hat, den Leuten ins Gesicht zu sehen. Ein neugieriges, hässliches Entlein, das flussaufwärts schwimmt und die Normalen, die »Kormorane« beobachtet, die sich im Gehege der ordentlichen Gesellschaft tummeln. Ich schreibe über einen, der zu viel redet, der seine Meinung sagt, eine Mischung aus gesundem Menschenverstand und dummem Zeug, der herzlich lacht und dann in sich zusammensackt. Ein Trauma hat sich in sein Herz gebrannt wie eine Medaille, und an Stelle der Krawatte trägt er eine Schnur um seinen Hals: Sie gehört zu seinem Hund - und zu seiner Trauer. Er ist ein Schlag ins Gesicht der Gesellschaft. Sein Leben ist nach und nach abgerutscht. Eines Nachts ist er auf allen vieren aus dem Haus gekrochen, einfach abgehauen. Er starrt vor Dreck, wie alle Penner. Sein Anzug hat die Farbe von Bier und glänzt speckig, er hat ihn aus Leseprobe